Der Mann trägt

Heute habe ich ein Interview, auf das ich besonders stolz bin.
Ich habe einen der wenigen Trageberater zum Interview an Land gezogen –
Gunter Nowak-Wohralik.
Er berät Väter (aber auch Mütter), die das Tragen „erlernen“ wollen. Gunter lebt in Wien und ist Vater einer Tochter.

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Hallo Gunter, schön das du dir die Zeit nimmst und uns ein Interview gibst. Stelle dich und mantraegt.at doch bitte einmal unseren Lesern vor.

(G): Zu mir: Ich bin ein 82er Baujahr, wohne in Wien und hab eine wunderbare Tochter, die mich bis heute zum Tragepapa macht. Ich bin in Ausbildung bei Die Trageschule® – Österreich und Schweiz. Privat tanze ich gerne, fotografiere und sitze auf dem Rad, sobald das Wetter stimmt. Und natürlich alles rund ums Tragen. Hobby und Beruf sozusagen.

Zu mir als Trageberater:

Ursprünglich habe ich immer gesagt, Man(n) trägt ist meine persönliche Mission, Väter vom Tragen zu überzeugen. Das war der initiale Gedanke. Inzwischen hat sich die Idee schon ziemlich weiterentwickelt. Mittlerweile geht es mir nicht mehr „nur“ darum Männern ein positives Bild vom Tragen zu vermitteln. Seit ich mich mit den physiologischen und psychologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen beschäftige, versuche ich auch das Tragen an die geänderten Anforderungen der Männer mit kleineren Details anzupassen. Ich freue mich auch meine Kolleginnen in diesem Thema zu unterstützen. Was mir an diesem Punkt ganz wichtig ist: Das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass meine Kolleginnen schlechter darin sind Männer zu beraten! Ich denke einfach, ich kann da als „geschlechtliches Bindeglied“ hilfreich sein.

Du bist bisher der einzige Trageberater den wir kennen. Wie kamst du darauf Trageberater zu werden?

(G): Ich bin sozusagen vom Tragepapa zum Trageberater geworden. Nein, im Ernst. Ich bin grundlegend ein Mensch, der gerne Wissen weitergibt und umso mehr, wenn ich von etwas überzeugt bin. Tatsächlich bin ich erst durch meine Exfrau und unserer Tochter zum Tragen gekommen. Nachdem ich in meiner Zeit als Tragepapa also nur Vorteile davon erleben durfte wollte ich auch andere Väter davon überzeugen. Und am besten geht das natürlich als Trageberater. Somit also einfach in die Trageschule, Ausbildung machen, Logo basteln, los legen *lach*.

Wie hat deine Familie darauf reagiert?

(G): Hm … gar nicht? Nein, also nachdem ich mit Beratung und Workshops noch nicht mein Leben bestreite (was mein Langfristiges Ziel ist) und ich daneben noch etwas „gscheites“ arbeite, sind Mama und Papa auch zufrieden. Sonstige Reaktionen waren eigentlich wenig vorhanden.

Wie reagiert die Außenwelt darauf?

(G): Ganz unterschiedlich, da könnte ich jetzt ewig reden. Da gibt’s verschiedene Abstufungen. Wenn ich in der Öffentlichkeit meine Tochter in den Sling binde, ist den Leuten oft Verwunderung anzusehen, weil ich das so schnell und „gut“ mache. Wenn ich als Trageberater mit jemandem zu tun habe, ist das Spektrum doch viel breiter. Die meisten sind vordergründig begeistert. Ich denke, dass für bei Max und Erika Mustermann das Tragen noch immer einen Hauch des Alternativen hat, auch wenn dieses Vorurteil zum Glück rapide verschwindet. Ich passe dann auch optisch mit Glatze und Sonnenbrille meistens einfach nicht ins Klischee. Wie gesagt meist positiv, ich habe aber auch aus allen Richtungen schon komische Blicke, negative Kommentare, Aberkennung meiner Kompetenz, und so weiter erlebt. Aber da muss man(n) durch und ich bin nicht zart besaitet.

Wie würdest du deine Kunden beschreiben?

(G): Das lässt sich eigentlich schwer festlegen. Explizit und nur von einem Mann wurde ich noch nie gebucht. Ich bin oft die Wahl, wenn der Mann sagt, dass er „auch“ tragen will. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich besser mit Männern verstehen und demnach mich auswählen. Meine meisten Beratungen waren aber eher geschlechtsunabhängig, obwohl Männer halt den Vorteil meiner Spezialisierung haben. Was ich damit sagen will: Ich werde nicht mehr oder weniger gebucht, weil ich ein Mann bin. Diese Kunden sind eher die Ausnahme.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie ein Kind getragen wird?

(G): Wo fange ich an …. Ja, doch, irgendwie, ein wenig, obwohl… Männer tendieren oft zu vorgefertigten Tragehilfen, weil sie sich nicht „zutrauen“ im Tuch zu tragen, weil es auf den ersten Blick zu kompliziert erscheint. Männer haben meistens nicht diesen emotionalen Faktor, dass sie zum Beispiel ein spezielles Tuch schön finden und deswegen mit dem Tuch tragen wollen. Da ist der Mann in der Regel eher praxisorientiert. Tragen ist gut, gesund und praktisch – Tragehilfe ist augenscheinlich! leicht zu verwenden – Problem gelöst, der Weg ist klar. Lustiger weise kann man Männer aber genau mit Hilfe dieses praktischen Denkens sehr schnell vom Tuch überzeugen. Eines der Argumente ist oft, dass sie nur einmal Geld ausgeben müssen und viel mit dem Tuch machen können. Jetzt sehr flach gesagt: Ich kaufe einmal ein Tuch und kann damit vorne, hinten und seitlich tragen. Das passt von 0-X Jahren und ist auch noch praktisch zum Mitnehmen.

Beim Tragen ansich kommt dann die Physiologie zum Zug. Da könnte ich jetzt noch länger reden. Als Beispiel eignet sich gut der Ringsling. Durch die „Konstruktion“ des männlichen Oberkörpers, speziell den Schultern, sind Männer in der Lage länger und vor allem schwerere Kinder im Sling zu tragen. Das liegt vereinfacht gesagt daran, dass sich durch die stabileren, wenig abflachenden Schultern beim Mann der Sling so anlegen lässt, dass sich mechanisch das Gewicht besser verteilt. Dafür haben wir Männer halt schmale Hüften auf denen der Tragling weniger aufsitzt. Bevor ich jetzt Kritik ernte: Natürlich ist das von Mensch zu Mensch individuell!

Was macht dir an diesem Beruf besonders Freude?

(G): Erstens mal bin ich eine „Rampensau“ *lach*. Nein, einerseits teile ich gerne Wissen und „helfe“ gerne. Ich habe durch das Tragen so viele positive Erlebnisse, dass ich denke, dass alle Eltern und Kinder davon profitieren sollten. Was mir aber definitiv am meisten Freude bereitet ist Elter „zu bekehren“, soll heißen, Eltern näher zu bringen, dass das Tragen nicht nur ein Zusatz zum Kinderwagen ist, sondern eine komplette Alternative. Natürlich ist auch ein Kinderwagen in der ein oder anderen Situation hilfreich, immerhin sprechen wir ja von Eltern und Kindern. Da kann man selten pauschal sprechen.

In einem Satz zusammengefasst: Die größte Freude habe ich, wenn ich ein zufriedenes Tragegespann sehe.

Vielen Dank für das Interview. Das letzte Wort gehört dir. Hier kannst du alles schreiben was du möchtest.

Erstens auch von meiner Seite vielen Dank für das Interview!

Einerseits möchte ich, weil es aktuell ist, auf meinen Workshop für Trageberaterinnen in München hinweisen: https://www.facebook.com/events/1081468481935066/

Für (zukünftige) Trageväter in Deutschland möchte ich auch ein paar meiner Kollegen aus Deutschland herausheben:

https://helden-tragen.de/Trageberatung

https://www.facebook.com/mitbabyinbewegung/

Sandro Stamm / sandro.stamm@gmx.de / 0170 2816887 / 77797 Ohlsbach

Sollte sich jemand inspiriert fühlen, selber die Ausbildung zur Beraterin oder zum Berater zu machen, hier ein paar Schulen in Deutschland die mir spontan einfallen, es gibt natürlich noch einige mehr. Für Österreich bitte persönlich bei mir melden:

https://www.trageschule-dresden.de/

https://www.trageschule-hamburg.de/

https://www.facebook.com/trageschule.muc

https://clauwi.de/

Letztendlich kann ich aber nur sagen, dass Tragen geschlechtsunabhängig etwas Wunderbares ist, was in meinen Augen jeder tun sollte. Bitte aber nicht einfach von YouTube abschauen! Bucht euch eine Trageberatung und lernt es sicher und effektiv. Dafür sind wir TrageberaterInnen da! Ach ja und wenn ihr einen Tragepapa seht, macht ihm ein Kompliment dafür. Das freut und bestärkt *lach*!