Vor einiger Zeit bin ich auf den Blog der sehbehinderten Lydia gestoßen. Lydia hat mich sehr beeindruckt und mir sprichwörtlich einen Einblick in ihr Leben geschenkt. Wenn ich ehrlich bin, kenne ich weder einen blinden Menschen, noch einen Menschen mit einer Sehbehinderung und hatte keinerlei Vorstellungen, wie deren Leben so ist. Das hat sich durch Lydias Blog geändert. Ehrlich, offen und mit einem Hauch Ironie, erzählt sie von ihrem Alltag, nimmt uns Leser an der Hand und zeigt, dass die Sehbinderung nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit ist.

Hallo liebe Lydia, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein Interview zu geben. Über Facebook, habe ich Deinen Blog kennen gelernt.
Für diejenigen, die dich noch nicht kennen, stell dich doch bitte einmal kurz vor.

Ich bin Lydia, 48 Jahre jung und Mutter zweier Kinder. Geboren wurde ich in Jordanien. Im Alter von vier Jahren bin ich nach Deutschland gekommen und lebe seitdem hier.

Auf Deinem Blog gibst du uns Lesern einen Einblick aus deinem Leben, mit Sehbehinderung. Wie kam es dazu, dass du angefangen hast darüber zu schreiben?

Wir leben in einer visuell orientierten Gesellschaft. Blinde oder sehbehinderte Eltern fallen da aus der Norm. Das begleitet mich seit meiner ersten Schwangerschaft. Und wenn diese auch noch wie ich einen Migrationshintergrund haben, dann ist das absolut was Unbekanntes. Als ich mit dem Bloggen begonnen habe, wollte ich einen Teil meiner Geschichte erzählen. Und irgendwie bin ich dabei geblieben. Blind, Mutter, Migrationshintergrund. Das ist so mein ‚Themenspektrum. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich es irgendwann erweitern werde.

Wie lange schreibst du schon und was treibt dich beim Schreiben an?

Meinen ersten Artikel „Als blindes Kind arabischer Eltern“ habe ich im Juni 2016 online gestellt. Ich möchte nicht blinden Lesern vermitteln, dass mein Alltag als blinde Mutter ähnlich ist wie der einer normal sehenden. Gleichzeitig möchte ich aber auch über die Dinge berichten, die anders sind.

Ich lese Deinen Blog seit einiger Zeit und bemerkte immer wieder, dass du ein wirklich ganz normales Leben führst. Kommt es häufig vor, dass unwissende Leute (wie ich) sich darüber wundern, wie alltäglich dein Leben im Grunde genommen ist?

Ja, sehr oft. Und deshalb versuche ich mit festgefahrenen Klischees aufzuräumen. Ich habe weder eine 24Stundenbetreuung, die sieht, noch bekomme ich Essen auf Rädern. Und ich habe auch keinen sehenden Mann, der mich permanent umsorgen muss. Natürlich gibt es Situationen, wo ich auf sehende Hilfe angewiesen bin. Und dann ist es an mir diese einzufordern. Wenn nötig, dann auch mal gegen Bezahlung. Meine Kinder haben nicht mehr Verpflichtungen als Kinder normal sehender Eltern. Denn ist sind in erster Linie Kinder, und keine Blindenführhunde auf zwei Beinen.

Wenn du selbst im Internet unterwegs bist, wie orientierst du dich dort? Gibt es andere Blogs oder Seiten, die du gerne liest?

In meinem Artikel „Blind am Computer, Teil 1“ habe ich beschrieben mit welchen Hilfsmitteln ich arbeite. Diese erleichtern mir die Orientierung im Internet. Grafiken und Chaptas sind nicht auslesbar. Alles was Text ist, kann ich auslesen. – Und ja, ich folge einigen Blogs, deren Themen mich interessieren. Facebook ist da eine unerschöpfliche Fundgrube.

Wirst du oft auf deine Sehbehinderung angesprochen? (Und falls ja, nervt dich das manchmal?)

Wenn jemand wirklich interessiert ist, gebe ich gern Antwort. Aber als permanentes Gesprächsthema ist das manchmal echt nervig. Blind ist eine meiner vielen Eigenschaften. Und ich möchte nicht auf diese runterreduziert werden. Ich habe schwarze Haare, bin Mutter und nebenher leidenschaftliche Strickerin. Auch das gehört genauso zu mir wie meine Sehbehinderung. – Besonders nervig finde ich Bemerkungen wie „Sie arme“, oder „Ich finde es toll, wie Sie ihr schweres Schicksal meistern“. Nur weil Ihr Euch nicht vorstellen könnt blind zu sein, heißt es noch lange nicht, dass ich darunter leide.

Das letzte Wort gehört dir, hier kannst Du all das sagen, was du schon immer mal loswerden wolltest.

Mir sind zwei Punkte sehr wichtig.
– Den typischen Blinden gibt es nicht. Jeder Blinde hat auch noch viele andere Eigenschaften, die ihn ausmachen. Die mögen gut oder weniger gut sein. Das ist genauso wie bei normal sehenden. Ich sage auch nicht, dass sehende alle gut malen können.
– Ich betreibe meinen Blog, um aufzuklären. Daher ist mir jeder Follower willkommen. Genauso wie ernst gemeinte Fragen meiner Leser. Denn von diesen lebt mein Blog.
Liebe Lydia, ich möchte mich ganz herzlich bei dir bedanken. Du hast mir durch Deinen Blog Lydiaswelt, einen Einblick in die Welt sehbehinderter Menschen gegeben. Wo ich früher vielleicht zurückhaltend gewesen wäre, weiß ich mir und anderen Sehbehinderten, nun besser zu helfen. Danke für deine offenen und ehrlichen Worte.
Das habe ich sehr gern gemacht. (-: