Eigentlich wollte ich an jenem Oktoberwochenende endlich mal wieder ein Wochenende in Bilder veröffentlichen. Doch es kam alles ganz anders als geplant und sollte eigentlich ein schönes Wochenende werden. Durch den plötzlichen Tod meines Onkels, stand jedoch plötzlich die Welt still. Das besagte Wochenende war eine Achterbahnfahrt in Sachen Hoffnung und Bangen. Und auch die Zeit danach wurde durch Zweifel, Vorwürfen und Trauer getrübt.

Alles begann Freitagabend…

Ich rief meine Mutter an um ihr zu erzählen, dass sich meine beste Freundin samt Kind, spontan für Samstag zum Frühstück angekündigt hatte. Doch schon an ihrem „Hallo“, merkte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. „Onkel X wurde doch gestern operiert… Die OP verlief gut, dann gab es Nachblutungen und sie haben ihn ins künstliche Koma gelegt.“ Stille! Ich war geschockt. Vor zwei Tagen hatte ich ihm noch eine SMS geschrieben und ihm alles Gute für die OP gewünscht und jetzt diese Nachricht. „Soll ich heute oder morgen vorbei kommen?“, fragte ich meine Mutter, aber sie lehnte ab und wünschte mir viel Spaß mit meiner besten Freundin, denn sie wusste, wie selten wir uns sahen.

Auch wenn ich mit diesem Onkel recht wenig zu tun hatte und sogar ehrlich gesagt oft genervt von seinen Aussagen war, traf mich sein Schicksal doch schwerer als gedacht. Es brachte mich zum nachdenken. Müssen solche Krankheiten und Unfälle erst passieren, damit man bestimmte Dinge, Menschen oder Umstände anders zu schätzen weiß?

Hinzu kam, dass ich mich über mich selbst ärgerte. Eigentlich wollte ich zu der SMS noch Bild von Mini-Me anhängen, um ihm nochmal eine kleine Freude zu machen… Weil ich es aber irgendwie makaber und als Zeichen des Abschied empfand, da ich ihm sonst nie Bilder geschickt hatte, ließ ich es sein.

Die ganze Zeit über, schwankte ich zwischen hoffen und bangen.

Irgendwie war ich beruhigt, dass er „nur“ ins künstliche Koma versetzt worden war und nicht selbst ins Koma gefallen ist. Ich betete und lies mir Trost geben. Voller Hoffnung und Zuversicht schlief ich ein, jedoch wachte ich mitten in der Nacht mit einem unguten Gefühl wieder auf.

Auch am nächsten Morgen, gab es leider keine besseren Nachrichten. „Die Ärzte haben keine Hoffnung„, teilte mir meine Mutter traurig mit. Ich bestärkte meine Mutter darin weiterhin an seine Genesung zu glauben. „Auch Ärzte sind nur Menschen. Sprich mit deinem Bruder als sei er wach, streichle ihm die Hand und gib ihm Hoffnung und Kraft. Ruf seine besten Freunde an und die sollen per Telefon nochmal ein paar schöne Dinge zu ihm sagen.“ Leider glaubte meine Mutter nicht daran. „Aber Nina, er merkt doch nichts!“ „Mama, mach es einfach.“ Und das tat sie dann auch.

Sie rief mit dem Telefon der Intensivstation seine Freunde an, damit diese ihm gut zureden können.

Da meine Oma schon sehr alt ist und ihr das ganze Leid verständlicherweise zu viel war, wollte sie an diesem Tag nicht nochmal  mit ins Krankenhaus. Als es nachmittags aber hieß, wir fahren mit Oma nochmal hin, begriff ich den Ernst der Lage. „Er wird es nicht schaffen“, antwortete mir meine Mutter, als ich auf glühenden Kohlen und endlich auf Neuigkeiten wartend, ihr eine Nachricht schrieb.

Ich begriff es nicht.

Wie kann dieser Mensch, der vorher eine völlig gesunde Leber hatte, nun daran sterben, dass seine Leber nicht mehr funktionierte? Und das innerhalb von 1,5 Tagen. Weshalb gingen seine Leberwerte von Stunde zu Stunde runter? Ich wollte nicht an seinen Tod glauben. Ich wünschte ihm nicht dieses Schicksal. Ich war wirklich traurig. Traurig, dass er im Koma lag. Traurig, dass meine Oma wohl ihr drittes Kind verlieren würde. Traurig, dass ich ihn nicht öfter besucht hatte. Und auch meine Hoffnung  glitt langsam und ich wurde zunehmend ohnmächtig.

Irgendwie wurmte es mich und ich wollte mehr wissen. Wissen ob es ein Ärztepfusch war oder ob er zu lange unbeaufsichtigt im Zimmer lag. Da ich von meiner Mutter jetzt keine Stellungnahme mehr erwarten konnte, rief ich meinen anderen Onkel an. Ich konnte mich nicht mehr zurück halten und weinte aus tiefstem Herzen. Wir sprachen miteinander und ich begriff, dass er es tatsächlich nicht schaffen würde und das er laut Aussagen der Ärzte „einfach Pech“ hatte. „Unglückliche Umstände“, nannten es sie es.  Mitten im Gespräch hörte ich plötzlich meine Tante im Hintergrund reden. Es wurde auf einmal ganz still.

„Jetzt ist er tot.“

Ich lies das Telefon sacken und weinte. Tief traurig und Tränenüberströmt legte ich auf. Mini-Me war die ganze Zeit auf meinem Arm und wollte nicht von mir weg. Aber ich konnte nicht aufhören zu weinen. Es tat mir leid, dass Mini-Me mich so sah, denn ich war selbst überrascht, dass ich so heftig reagierte. Aber ich konnte einfach nicht anders.

Am nächsten Tag traf sich die ganze Familie bei meiner Oma. Dort erfuhr ich sämtliche Infos. Doch ich wollte und konnte den Aussagen nicht trauen. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass eine gute Bekannte OP-Schwester ist und ich den OP-Alltag in allen Facetten erzählt bekomme. Allesamt, egal ob Arzt oder Schwester, sind nur Menschen und oftmals nicht gerade die Sorgfältigsten. Jedem passieren Fehler, egal ob Bäcker, Schreiner, Maurer oder Arzt. Irgendwas sagte mir, dass da nicht stimmt.  Auch an den Tagen und Wochen danach, konnte ich es noch immer nicht glauben.

Doch es kam, wie es kommen musste…

Mein Onkel sollte verbrannt und in einem Friedwald beerdigt werden. Doch als sich der unabhängige Arzt vor der Kremation seinen Leichnam nochmals anschaute, bekam dieser Zweifel. Zweifel an der Todesursache. Zweifel an den Aussagen der Ärzten.

Er ordnete eine gerichtliche Obduktion an.

Tja – und diese Obduktion ist nun schon etwa vier Monate her, doch die Staatsanwaltschaft gibt uns noch immer keinen Einblick in die Akten. Das einzige was wir bisher wissen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt. Das Alles gibt mir ein ungutes Gefühl was Krankenhäuser und Ärzte angeht und ich bete und hoffe, dass meine Familie, Freunde und ich, vor Krankheiten verschont bleiben.

Außerdem merke ich zunehmend, wie unmenschlich es in Krankenhäusern zugeht. Das Wohl des Patienten steht leider nicht immer an erster Stelle, sondern viele andere Faktoren, wie bspw. eine schnelle Abfertigung um möglichst viele Patienten operieren und behandeln zu können…