Grenzen setzen

Noch als mein Sohn ein Säugling war, begann ich Literatur zu lesen, die vor allem auf die seelischen Bedürfnisse des Kindes schaute. Literatur, die nicht nur das leibliche Wohl des Kindes in den Fokus stellte, sondern auch seine emotionalen Bedürfnisse mit in den Fokus nahm. Vom ersten Moment an, war ich somit ausgestattet mit viel Wissen um die Bedürfnisse eines Kindes und um dessen gesundes Wachstum. Wieso schreien Babys? Weshalb können sie so schwer alleine einschlafen?

Warum ist einschlafstillen so besonders? Und warum sollte man keine Kinder bestrafen und warum sollte man sie andersherum aber auch nicht übermäßig loben? All die Informationen fühlten sich richtig und gut an. Ich spürte, dass ich keine Schwierigkeiten hatte all die Informationen aufzunehmen und anzunehmen. Doch aus dem Säugling ist mittlerweile ein Kleinkind geworden und manchmal stellt sich mir die Frage, ob ich das mit dem bedürfnisorientierten Umgang, manchmal etwas zu genau genommen habe… Sollte ich meinem Kind mehr Grenzen setzen?

Denn irgendwie wurden die Bedürfnisse meines Kindes lange Zeit in den Mittelpunkt und die der restlichen Familie etwas hinten angestellt. Zugegeben, mein eigenes Bedürfniss war eine ziemlich lange Zeit nur mein Kind. Ich wollte es 24/7 bei mir haben. Ich konnte mich an ihm nicht satt sehen. Jedes Lächeln schüttete einen riesigen Cocktail Oxytocin aus. Jede Stunde in der er nicht bei mir war schmerzte und so, waren wir eigentlich die ganze Zeit zusammen. Doch langsam (wirklich sehr sehr langsam) spürte ich, dass ich auch wieder andere Interessen hegte. Und das Abnabeln kam beidseitig, denn auch mein Kind hatte vermehrt Interesse an der Umwelt, an anderen Kindern und nicht mehr nur an Mama.

Abnablung nach 3,5 Jahren.

Mittlerweile können wir ohne einander. Wir können gut ein paar Stunden ohne einander auskommen und freuen uns, wenn wir mal andere Gesprächs- oder Spielpartner als nur uns beide haben. Doch seit ein paar Monaten bin ich seelisch leider nicht immer ganz so fit und schaffe den bedürfnissorietierten Umgang in dem Maße wie er vorher war, (leider) nicht mehr. Meine Bedürfnisse stehen nun oft an erster Stelle. Klar versuche ich es einigermaßen im Gleichgewicht zu halten und auch auf die Bedürfnisse meines Kindes einzugehen, doch aufgrund meiner Erkrankung klappt das nicht immer.

Habe ich zu hohe Erwartungen an mich selbst?

Es gibt bestimmt Menschen, die mein jetziges Erziehungsverhalten vollkommen ausreichend finden. Doch meine eigene Erwartung an mich, meinen ganz persönlichen Anspruch ans Mamasein ist ein anderer. Es gab Zeiten, da war ich täglich vielleicht 2 Stunden körperlich von meinem Kind getrennt. Es gab Tage, da trug ich ihn vielleicht 8,9, 10 Tagen täglich. Es war keine Last für mich und ich wollte meinem Kind damit logischerweise etwas Gutes tun.

Das das Tragen für mich völlig normal ist, zeigte sich schon kurz nach der Geburt von Mini-Me. Er schrie und schrie, als er nur kurz in einen Kinderwagen gelegt wurde. Somit war für mich klar: Dann werde ich eben Tragemama. Ich las mich in das Thema ein und spürte ganz intuitiv, wie es meinem Kind und mir gut tat. Ich spürte oft schon was sein Bedürfnis war, bevor er zu schreien begann. Was bei uns somit von Anfang an völlig normal ist, ist bei der „Schwiegerfamilie“ fast schon verpönt. Da, wo ich Mini-Me Stunde um Stunde in der Trage mit Fön-App auf dem Handy herumgetragen habe, da wurde das Baby meiner Schwägerin in den Kinderwagen gelegt und „kein Geschiss“ darum gemacht.

Gehört Streit dazu? Oder sollte ich meinem Kind mehr Grenzen setzen?

Natürlich gibt es viele Faktoren weshalb es bei uns manchmal Reibereien gibt. Meist liegt die Ursache logischerweise bei mir oder aber bei uns Eltern. Entweder weil wir Streit haben. Unzufrieden mit uns selbst oder der Beziehung sind. Weil unsere Bedürfnisse nicht in dem Maß erfüllt worden sind wie wir es eigentlich bräuchten, oder aber aus sonst irgendeinem Grund. Doch manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade bei den Menschen, die sich von Anfang an nicht so stark um die Bedürfnisse des Babys, sondern eher um die der ganzen Familie Gedanken gemacht haben, sie die geringeren Probleme mit ihren Kindern haben.

Gerade am Beispiel Schwiegerfamilie und Schwägerin sehe ich deutliche Unterschiede. Meine Nichten und Neffen wurden (in meinen Augen) streng erzogen. Da wo ich Mini-Me dahin erzog, dass er eben nur dann die Hand geben muss wenn er es möchte, da müssen die Kleinen meiner Schwägerin der Uroma brav und ordentlich eine Umarmung geben. Da wo Mini-Me bei Tisch herumzappeln darf, da müssen ihre Kinder anständig am Tisch sitzen. Oft tuen mir die Kinder leid, doch ab und an frage ich mich, ob gewisse Grenzen nicht einfach das Beisammensein erleichtern? Denn Mini-Me lässt sich im Gegensatz zu seinem Cousin und seiner Cousine mit einem „Nein“, nicht so einfach abspeisen. Ich merke, dass er zwar mit einem „Nein“ wesentlich besser klar kommt, wenn ich es ihm ruhig erkläre und nicht genervt oder gestresst bin. Doch aufgrund der Umstände, bin ICH derzeit leider NICHT besonders KOOPERATIV und das wirkt sich eben auf die Beziehung zum Kind und dessen Verhalten aus.

Leben und Leben lassen.

Auch wenn es mir manchmal schwer fällt nicht über andere zu urteilen, muss ich lernen, nicht auf andere zu schauen. Da wo ich wahrscheinlich ganz anders mit meinem Kind umgehen würde, würden es andere Familien bestimmt auch anders machen als ich. Jeder hat das Beste für sein Kind im Sinn. Und wer sagt mir, was wirklich richtig und was falsch ist? Welche Grenzen richtig gesetzt und welche zu lapidar sind, entscheidet jede Familie für sich. Das Ausmaß dessen, wird sich auch nicht immer gleich zeigen. Viele siehst man, denke ich, erst dann, wenn die Kinder in der Pubertät sind. Zudem sollte ich mir als Mama auch kein schlechtes Gewissen machen. Ich versuche meinem Kind eben alles zu geben, doch wenn ich selbst viel für mich brauche, kann ich meinem Kind eben nicht immer alles geben. Und das ist ok. Mein Kind wird daran nicht kaputt gehen, nur weil ich keine 24/7 Mama mehr bin. Deshalb eine kleiner „Reminder“ an euch und an mich: Entspannt euch. Leben und Leben lassen.

Alles Liebe
Nina